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Russentonne vom Flohmarkt bei Tageslicht

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25. Juni 2012 21:21
Liebe Foristi,

die meisten kennen nun meine ungezählten Astrofotos mit einem 8 Zöller Spiegelteleskop. Neben dieser Optik habe ich noch verschiedene andere Optiken, die ich eher für die Tag- und vor allem Naturbeobachtung einsetze. Natürlich hatte ich bereits als Schüler und Student auch hier einen Hang zu extremen Teleobjektiven. So erwarb ich Jahre später auch ein Canon EF 100-400 mm Telezoom mit Autofokus und Bildstabilisator - nicht eben ein Schnäppchen. Aber auch eine Rubinar vom Typ MC MTO 11CA 10/1000 liegt seit Jahren im Schrank. Liebevoll die Russentonne genannt, die ich vor etlichen Jahren auf dem Bonner Flohmarkt an der Biskuithalle erwarb. 1000 Millimeter Brennweite für kleines Geld. Das Budget entsprach damals dem möglichen Rahmen eines Studenten, der photografisch gerne zur Übertreibung neigt. Runter gehandelt von 200 auf 190 DM und stolz nach Hause getragen. 20 Pfennige pro Millimeter Brennweite wären ja ein guter Wirkungsgrad, den auch heute kaum eine andere Optik vorweisen kann.

Was soll man nun von den ebenso ungezählten "Testberichten" der Fotografen in den DSLR Foren halten? Manches spricht dagegen, manches für ein solches Extremobjektiv. Und mal ganz offen heraus: Wer von den Verfassern hat eine Tonne wirklich schon in der Hand gehabt, der da schrieb, sie tauge nichts. Nun gut, die Russentonne wurde gepflegt und selten eingesetzt. Die Kuhweide vor meinem Fenster in knapp 1 km Entfernung bot jedoch ein gutes Testbild unter Tageslichtbedingungen. Luftunruhe in den Bodenschichten inbegriffen, die sich gerade bei extremen Brennweiten gerne Sommer wie Winter bemerkbar macht. Kein Vergleich, der einer astronomischen Prüfung standhält, freilich. Doch weiß man auch, dass insbesondere Spiegeloptiken, wie ebenjene Russentonne vor allem unter Tagblindheit durch seitliches Streulicht leiden. Wenigstens mit der Bildschärfe darf es dann unter solchen Bedingungen unter die Lupe genommen werden.

Als Kamera dient nun meine tageslichttaugliche Canon EOS 60D (kein Astroumbau), welche mit ihren besonders kleinen Pixeln eine weitere Hürde für leidlich schlechte Optiken darstellt. Fokussiert wurde bei der Russentonne mit dem LiveView der Kamera und ruhiger Hand, während das Canon Objektiv dies Dank Autofokus und Bildstabi eben selbst erledigen musste. Die Kuhporträts sind dann so dargestellt, dass die Aufnahme mit dem Canon Objektiv um den Faktor 2,5 vergrößert ohne Pixelinterpolation vergrößert wurde. So haben beide Bilder nun den gleichen Abbildungsmaßstab und können unverfälscht begutachtet werden. Klar, dass das Canon Objektiv bei 400mm Brennweite hier grobe Pixelklötze zeigt, aber das ist beabsichtigt und fair. Denn es geht um das Mögliche bei solchen Entfernungen und Brennweiten. Beide Aufnahmen sind Ausschnitte der Rohbilder.

Ich meine, dass meine olle "Russentonne" im Vergleich mit dem freilich unproblematischeren Canon Objektiv nicht so schlecht da steht. Für die Aufnahmen muss man freilich mehr Geduld aufbringen. Die Russentonne hat weder Autofokus, noch Bildstabilisator. Für zittrige Hände und wackeligen Bodenuntergrund ist das nichts und auch das Stativ sollte mit kurzen Beinen stabil aufgestellt sein. Das Bild muss nachbearbeitet werden, um Farbkontrast zu verbessern und die Tagblindheit zu eliminieren - was mit modernen Programmen jedoch heute kein Problem ist.

So scheint das Rubinar unterm Strich optisch gesehen eher zu Unrecht unter den Naturfotografen einen schlechten Ruf zu genießen. Zwar leidet die Tonne deutlich unter einem Blauschleier (oberes Bild), aufgrund des besagten Streulichts, doch läßt sich dieser Effekt ja neuerdings auf digitalem Wege retuschieren, indem man den Bildkontrast nachträglich anhebt. Das ging früher mit chemischem Film nicht, der Nachteil ist aber auf moderne digitale Spiegelreflexkameras nun wirklich nicht mehr anwendbar. Was die gewonnenen Bilddetails angeht, so kann man mit sorgfältiger Fokussierung auch diese Optik sogar im Tagbetrieb für die Naturbeobachtung einsetzen. Und das mit einer Kamera, die nun wegen der kleinen Pixel nicht eben zimperlich mit schlechter Optik und verwackelten Bildern umgeht. Wenn auch die Bewertung der Farbwiedergabe ohne Bearbeitung zugunsten des vielfach teureren Canon Objektivs ausging, ist dieser ungleiche Vergleich doch statthaft. Denn die Detailvielfalt und Schärfe der Tonne ist halt selbst mit solch einer teuren Optik, wie dem Canon EF 100-400 eher weniger gut zu realisieren, weil eben jene Brennweite selbst bei 400 mm und einem Preis von 4 Euro pro Millimeter Brennweite weiterhin fehlt.

Das größte Problem bei der Fokussierung mit solchen Monsteroptiken ist auch in der Naturbeobachtung die Luftunruhe und die Stabilität der Kamerabefestigung (Stativ), welche ja auch dem Astronomen zu schaffen macht. Wer hätte das gedacht?

Echte Schnappschüsse müssen wohl bei solchen extremen Brennweiten wohl überlegt sein, aber die Canon punktet ja auch mit HD Video. Und hier kann man mit beiden Optiken sicherlich noch vieles beobachten, was den meisten Fotografen aufgrund der Fluchtdistanz der Tiere oftmals verwehrt bleiben wird. So ist die Russentonne in der Rückschau dann doch keine so schlechte Investition gewesen. Und mal ehrlich: Weder 400, noch 1000 mm sind bezüglich Tragekomfort und Einsatzbedingungen noch als bequem zu werten. Mit einigem Engagement, kann man der Tonne dann doch deutlich mehr Bilddetails abringen. Und einen Telekonverter scheinen ja dann sogar beide Optiken noch zu vertragen. Doch wird man mit beiden Objektiven theoretisch, wie praktisch feststellen müssen, dass die Bildschärfe bei Einsatz eines Telekonverters aufgrund der Beugung des Lichts begrenzt bleiben wird. Ein Effekt, der bei der Pixelgröße der Canon EOS 60D bereits ab f/10 messbar und sichtbar ausfallen sollte. Von der Theorie her bietet deswegen die Tonne mehr Details, weil sie eben mehr Öffnung (Durchmesser) besitzt. Und dass sie mehr Details zeigt, demonstrieren nun beide Aufnahmen bereits.

Fazit: Es steht 1:1, die Russentonne hält nun wieder Einzug ins Finale der Naturbeobachtung. Probieren geht eben über Studieren. Und ganz ehrlich: Für die Astrofotografie habe ich einen besser aufgestellten Achtzöller. Die Russentonne ist ohne aufwändige Montierung deutlich besser bei Tage eingesetzt, wo sie keine schlechte Figur macht dort, wo sie benötigt wird.

Zur Ehrenrettung des Canon Objektivs sei angemerkt, dass es gut in der Hand liegt und eben mit 400mm Brennweite auch aus der Hüfte geschossen noch freihändig scharfe Bilder liefert. Das hat eben seinen Preis.

Viele Grüße

Thilo Bauer

PS: Der Autor versichert, dass für diesen Bericht keine Tiere leiden mussten.



9-mal bearbeitet. Zuletzt am 25.06.12 22:04.
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Russentonne vom Flohmarkt bei Tageslicht Anhänge

T. Bauer 3824 25. Juni 2012 21:21

Re: Russentonne gegen Canonzoom 100-400

JC_4 1311 14. Juli 2012 18:25

Re: Russentonne gegen Canonzoom 100-400

T. Bauer 1680 27. Juli 2012 20:29

Re: Russentonne gegen Canonzoom 100-400

Alt 406 03. März 2017 21:47



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