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Mein erstes Teleskop

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15. Juli 2007 15:08
Es ist schon durchaus lehrreich, manchen Erfahrungsbericht hier zu lesen. Ein Artikel aus dem Jahre 2004 über die Qualitätserfahrungen mit einem Teleskop das anno 1982 noch gut und gerne 600-700 DM gekostet hatte. Im Grunde ein Verriß, der selbstverständlich angemessen erscheint.

Aber ist ein solcher Verriß unter allen Umständen auch haltbar?

Ich möchte solch einen Erfahrungsbericht vielleicht einmal aus einer völlig anderen Perspektive erzählen, die mir ebenso wichtig erscheint.

Mein erstes Teleskop war ein Kosmos Selbstbaufernrohr, mit dem ich verstehen wollte, wie Optik überhaupt funktioniert. Es kostete damals im Direktversand knapp unter 100 DM, was vom Taschengeld eines Schülers eben noch bezahlbar war. Für die Bestellung war die Einverständniserklärung eines Elternteils notwendig. Durchaus lehrreich, denn diese musste man sich erst holen. Zwar kein Problem, aber ein erster Schritt, die Ernsthaftigkeit seines Unterfangens zu überlegen.

Ich hatte damals die fixe Idee, daß ein Teleskop mehr Auflösung bieten sollte und meinte in den Physikbüchern gäbe es einen Fehler in der Berechnung der Abbildungsschärfe eines optischen Systems. Typisch Schüler. Nix verstanden. Daß diese Idee später doch eine Wahrheit erfuhr, das konnte ich mit 14 Jahren noch nicht fassen.

Ein Photostativ besaß ich bereits aus dem Geschenkefundus meiner Konfirmation, aber einen Papptubus mit aus dem vollen Kork gefrästen Okularauszug und Plastikokular auf einem Photostativ zu befestigen zeigt schon hartnäckige Züge eines Enthusiasten, dessen Begeisterung über alle Massen ausreichen sollte, dieses Hobby nachhaltig zu betreiben. Das Kosmos wurde von der Firma übrigens einmal getauscht, weil der gekittete Achromat Blasen im Kitt hatte. Die Rückfrage telefonisch, man nahm mich beim Kosmosvertrieb als Schüler ernst, versicherte mir das sei kein Problem, ich musste lediglich den Rückversand bezahlen und es dauerte kaum zwei Wochen, bis ich eine fehlerfreie Linse in den Händen hielt. Solch ein Service in dieser Preisklasse? Ich war als Schüler jedenfalls begeistert und hatte wieder etwas gelernt, dessen Bedeutung mir erst heute klar wird.

Es folgte ein Tasco 114/900mm Newton etwa um 1982. Ich war damals 16 Jahre alt. Über Qualität der Montierung muss man kaum Worte verlieren. Im Roheisen schwimmend fettgelagerte Achsen, bei denen die Bezeichnung Welle bei genauer Betrachtung eine doppelte Bedeutung erfährt. Es war für mich erschreckend teuer. Noch bessere Ausführungen für mich unbezahlbar. Montierungen von der Güte einer Polaris? Nicht mehr zu finanzieren. Einen Zuschuß erhielt ich freundlicher Weise von meiner Großmutter, der ich natürlich die Ernsthaftigkeit meines Vorhabens vortragen musste. Da sie meinen Erläuterungen folgen konnte und einen Blick durch den Papptubus werfen konnte, um zum ersten Mal den Mond mit eigenen Augen groß sehen zu können, war der Garant für die Wahrheit meiner Aussagen und ich erhielt die Bewilligung dieser gigantischen Summe Geldes. Unendlichen Diavorträgen und einem photografischen Vorläufer von Powerpoint durfte sie später lauschen, um etwas über Astronomie zu erfahren. Sie war auch im Nachhinein hellauf begeistert (und ich lernte übrigens etwas über Didaktik). Ich war allem zum Trotz total begeistert von diesem Gerät und das sah meine Großmutter letztlich auch ein. Denn ich selbst hatte mich dafür schließlich entschieden. Also musste es gut sein. Und wie ich es schätzen lernte!

Es gab eine Menge zu schrauben, zu Justieren und ich lernte eine Menge über Mechanik und optische Physik. Ein Freund hatte ein ebensolches Gerät. Im Laufe der Fertigung mussten diese Teleskope binnen weniger Monate entweder etliche Redesigns erfahren haben, oder die fernöstliche Fertigung nahm zur Herstellung, was sie gerade in die Fertigungshalle geliefert bekam. Beide Geräte waren bis auf die Optik unterschiedlich, wie sie nicht unterschiedlicher hätten gebaut werden können. Ich justierte sein Teleskop, da ich bereits über einschlägige Erfahrung im Bereich der Optik und Grobmechanik verfügte. Nun war auch mein Freund begeistert und zufrieden, beide Teleskope zeigten vergleichbar gute Bilder, beugungsbegrenzt und Seeing limitiert. Seit diesem Tag sind wir über Jahre hinweg im Doppelpack rausgezogen und haben beobachtet wo immer der Himmel es zuließ. Eine tolle Zeit einer unvergessenen Freundschaft!

Wenn ich mich heute in einem Kaufhaus umsehe, dann finde ich Teleskope mit Montierungen von denen wir damals nur träumen konnten. Ein Kellnerokular war seinerzeit schon das Nonplusultra. Mit einem Huygens konnte man durchaus leben. Kein Zweifel, waren Riesen wie das C-14 mit Plössls an unserer Volkssternwarte der Maßstab. Als ich dann erlebte, wie wir einen Landwirt berieten und unterstützten, der sich zum Spazierensehen ebenfalls ein solches holte, wurde mir klar, welche Überlegungen zur Wahl einer schweren deutschen Montierung in unserer Sternwarte führten. Das serienmäßig teure Gerät sparte serienmäßig an der gleichen Stelle, wie mein Tasco. Auch die deutsche Montierung unseres C-14 täuschte nicht über ein Spiegelshifting hinweg, das die Astrofotografie zur damaligen Zeit ein Abenteuer bleiben ließ. Das Spiegelshifting sollte man an dieser Stelle eher als Spiegelhopping bezeichnen. Dennoch ein leistungsfähiges Instrument, das in der Stadtmitte installiert öffentliche Führungen nicht nur für mich, als jugendlichen "Dozenten", zu einem Genuß werden ließ.

Allerdings sollte man bei aller Kritik an den Herstellern nicht vergessen, daß diese Lehrstücke durchaus für einen selbst lehrreich sein können. Alleine durch diese Art der Beschäftigung mit der hochkomplizierten Materie wurde aus der Passion mit ihrer Hartnäckigkeit später ein Studiengang und eine jahrelanges Beschäftigungsverhältnis an einer deutschen Sternwarte.

So gesehen, kann also eine "Krücke" wie der Tasco Newton durchaus auch förderlich sein im Verständnis wie die Dinge funktionieren. Nicht zuletzt begleitet er mich seit Jahren noch bis heute. Zeitweilig hatte ich ihn auf einer schweren, in der Werkstatt meines Vaters selbst angefertigten Messingmontierung gelagert. Ein Waschmaschinenmotor mit umgewickelter Spule und selbstgebauter Elektronik zur Ansteuerung mit niedrigeren Frequenzen sorgte für eine solide Grundlage für die Astrophotografie. Dabei wurden mangels Masse sogar die Originalteile des Tasco recycled, Schnecke und Schneckenrad zum Antrieb. ESO Hochglanzprospekte in den Achzigern in der Hand zeigten die frühen CCD-Aufnahmen in der Geschichte der Astronomie und ich wußte, plötzlich, wohin die Reise mit dem Tasco gehen würde...!

Nun wird der geneigte Leser vermutlich zusammenzucken und mit dem waagerechten Zeigefinger gegen die Schläfe deuten, wenn ich ihm erzähle, daß eben jener Tasco inzwischen in mehreren Schritten zurück restauriert wurde auf seinen ursprünglichen Lieferzustand. Zum einen, weil er in hoffnungslos überlastetem Zustand so in einem Fachmagzin abgebildet ist. Zum anderen, weil er mich nun daran erinnert, was ich gerade wegen seiner "Mängel" daraus gelernt habe. Mit diesem Gerät wurden wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet und Abhandlungen erstellt von denen einige Veröffentlichungen der Astronomischen Gesellschaft und in SuW in den Neunzigern erzählen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Rumstehen zu schade, zum Wegwerfen zu gut. Also wird auch damit noch gelegentlich beobachtet, um mir dieses Lehrstück in Erinnerung zu rufen.

Nicht zuletzt musste ich beide Ersttelekope selbst bezahlen. Vielleicht sind sie deswegen heute noch in einem verwendbaren Zustand geblieben und ich habe noch etwas daraus gelernt.

Liebe Hersteller, baut weiterhin fleißig solche Einsteigerteleskope. Ihr werdet es nicht bereuen. Ich bin Euch dankbar dafür.

Thilo Bauer



7-mal bearbeitet. Zuletzt am 15.07.07 15:54.
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Mein erstes Teleskop

T. Bauer 3479 15. Juli 2007 15:08



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